Was ist „Kinder-Rheuma“?
Dass auch Kinder an Rheuma erkranken können, ist nach wie vor weitgehend unbekannt.
Was ist eigentlich Rheuma?
Unter Rheuma versteht man im engeren Sinn „entzündliches Rheuma“, eine Gruppe von Erkrankungen, die meist in der ersten Lebenshälfte, also auch bei Kindern und Jugendlichen, beginnt. Dabei handelt es sich um chronische Entzündungsprozesse unbekannter Ursache, bei denen sich das eigene Immunsystem gegen körpereigene Strukturen richtet („Autoimmunerkrankung“). Die Entzündungen können sich fast überall im Körper abspielen.
Entsprechend viele Krankheitsbilder kennen wir. Beim „Gelenkrheuma“ sind hauptsächlich die Gelenke entzündet, Beispiel – die sogenannte „juvenile idiopathische Arthritis“, die häufigste chronische entzündlich-rheumatische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen. Ist die Regenbogenhaut des Auges betroffen, so handelt es sich um „Augenrheuma“ („rheumatische Iridozyklitis“ bzw. „rheumatische Uveitis“). Stehen Entzündungen im Bereich der inneren Organe im Vordergrund der rheumatischen Erkrankung, so liegt oft ein systemischer “Lupus erythematodes“ vor („Schmetterlingskrankheit“ wegen des typischen Hautausschlages auf den Wangen), eine Erkrankung, die zu den sogenannten Bindegewebserkrankungen (Kollagenosen) zählt. Bei chronischer Entzündung der Muskulatur, meist begleitet von Hautentzündungen, spricht man von „Dermatomyositis“, eine ebenfalls zu den Kollagenosen zählende Erkrankung (derma – lateinisch für Haut, myos – griechisch für Muskel). Zur gleichen Erkrankungsgruppe gehört auch die zu Hautverhärtung führende chronische Entzündung von Haut und Unterhaut sowie von inneren Organen, die sogenannte „Sklerodermie“ (skleros – griechisch für hart). Die chronischen Entzündungen können sich auch vorwiegend in der Wand von Blutgefäßen abspielen, dann liegt eine „Vaskulitis“ vor (Vas – lateinisch für Gefäß). Alle diese Erkrankungsformen im Kindes- und Jugendalter werden durch den Namenszusatz „juvenil“ gekennzeichnet, z.B. juvenile idiopathische Arthritis oder juvenile Dermatomyositis. Sie verlaufen bei Kindern und Jugendlichen häufig anders als bei Erwachsenen.
Die häufigste chronische entzündlich-rheumatische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen ist die juvenile (jugendliche) idiopathische (unbekannte Ursache) Arthritis (Gelenkentzündung): Sie wird in verschiedene Untergruppen eingeteilt, je nachdem, wie sich der Erkrankungsverlauf während der ersten sechs Monate gestaltet. Sind in dieser Zeit weniger als fünf Gelenke betroffen, so nennt man diese Subgruppe Oligoarthritis (oligos – griechisch für wenig). Sind mindestens fünf Gelenke entzündet, so spricht man von Polyarthritis (poly – griechisch für viel), wobei eine Rheumafaktor-positive von einer Rheumafaktor-negativen Form abzugrenzen ist. Findet sich beim betroffenen Kind oder bei Verwandten 1. Grades eine Schuppenflechte (Psoriasis), so nennt man eine vierte Unterform der juvenilen idiopathischen Arthritis (JIA) „juvenile Psoriasisarthritis“. Wenn neben den Gelenken auch die Sehnenansätze entzündet sind (lateinisch Enthesitis) und die Kinder das genetische Merkmal HLA-B27 tragen, so handelt es sich um die fünfte Unterform, die sogenannte „Enthesitis-assoziierte Arthritis“. Eine sechste Form ist die nicht nur mit Arthritis sondern auch mit Fieberschüben und Hautausschlägen einhergehende „systemische juvenile idiopathische Arthritis“ (Still-Syndrom“).
Die JIA macht 90-95% der chronischen entzündlich-rheumatischen Erkrankungen des Kindes- und Jugendalters aus. In Deutschland leben etwa 20.000 Kinder und Jugendliche mit JIA, und pro Jahr erkranken erstmals etwa 1.000 Kinder an dieser Erkrankung. Am häufigsten ist die Unterform „Oligoarthritis“ (40-50% der Fälle), am seltensten die Rheumafaktor-positive Polyarthritis (5%). Für die Langzeitprognose der JIA ist besonders wichtig, dass sie rasch erkannt wird und die Kinder entsprechend schnell einer kompetenten Behandlung zugeführt werden.
Häufiger als die chronischen rheumatischen Erkrankungen sind die akuten Gelenkentzündungen. Sie entstehen meist als Reaktion auf unterschiedliche Infektionen („postinfektiöse Arthritis“). Oftmals handelt es sich um Infektionen der Luftwege sowie des Magen-Darm-Kanals. Als Krankheitserreger kommen sowohl Viren als auch Bakterien in Frage. Arthritiden, die nach Darminfektionen, z.B. mit Salmonellen, entstehen, werden häufig auch als „reaktive Arthritiden“ bezeichnet. Meist tritt die Gelenkentzündung erst ein bis drei Wochen nach Beginn der Erkrankung auf. Sie klingt im Verlauf von Tagen, Wochen, selten auch Monaten ab. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass bei den akuten Formen die Gelenkstrukturen in der Regel erhalten bleiben, während bei der chronischen Entzündung die Gefahr bleibender Gelenkschäden droht.
Nimmt man die Gruppen der chronischen und akuten GelenkentzĂĽndungen zusammen, so sind in Deutschland fast 50.000 Kinder betroffen.
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